Prof. Andrzej Zdanowicz

Prof.Andrzej Zdanowicz,
über Katharina GOLDYN - Vogl Dissertation
Seiten 7 - 9:

In ihren Werken baut Frau Goldyn auf der Erfahrung der Kunst der 80er und 90er Jahre
sowie des frühen 21. Jahrhunderts auf. Sie verwendet die Expression der Neuen Wilden,
nutzt Erfahrungen der „Neo-Gegenständler“ – so werden von Grzegorz Dziamski die Künstler
genannt, die keine neuen Formen erfinden, sondern sich fertiger Gegenstände bedienen,
indem sie die Künstlichkeit des Kunstwerkes und den Glauben an die Entdeckung neuer Form
durch deren Anwendung in neuen Konstellationen zu einem vereinen.

Der Tod der Kunst, verkündet von den Kritikern in den 60er und 70er Jahren, bedeutete
eigentlich den Tod der Avantgarde, als es zur “Verschiebung der Avantgarde zur Utopie“ kam,
so Goldyn, welche die Klarheit der Form verloren, ihre eigenen Grenzen gebrochen und sich auf
alle Lebensbereiche ausgebreitet hat.
Alles habe somit grundsätzlich Kunst sein können, sagte in einem Interview Jerzy Ludwinski.

Die Künstlerin, die jedoch im Geiste der Transavantgarde schafft, schöpft absichtlich in ihren
Werken aus dem Repertoire der avantgardischen Kunstmittel wie z.B. Durchschneiden der
Leinwand, was einerseits den Eindruck der Verletzung zu erwecken hat, andererseits sollte es
dem “Erleuchten“ mit dem künstlichen Arbeitslicht dienen. Die Methode des Beleuchtens von
Realisationen in den Kunstwerken mit Figuren erzeugt einen interessanten philosophischen
Effekt, durch die Lichtemanation kommt nämlich die Göttlichkeit der Figur gewissermaßen zum
Ausdruck. Die Werke nehmen dann einen sogar theatralischen Charakter an. Ein ähnliches
Verfahren hat der italienische Künstler Fontana angewandt. Sie nutzt das Repertoire der
Ready-mades von Duchamp, näher steht sie jedoch der Philosophie von J. Bueys, der einst
sagte, ich zitiere es nach der Autorin der Dissertation: “Duchamps Schweigen ist überschätzt.“
Übrigens, eine interessante Bemerkung zum Thema “Duchamp“ hat in einem Interview der
Besitzer des Titels “Doctor Honoris Causa“ dieser Universität – Balthaus – geäußert.
Auf die Frage eines Journalisten, was er von Duchamp als Künstler hält, antwortete er:
“Ein sehr begabter Schachist.“

Um auf die künstlerischen Erfahrungen der Autorin der Doktorarbeit zurückzukommen, wäre die
Freiheit zu betonen, mit der sie sich im breiten Repertoire der Ausdrucksmittel bewegt.
In ihrer schöpferischen Methode greift sie auf Matter Painting und ActionPainting zurück und
weist auf dessen relevante Eigenschaft, nämlich den schöpferischen Prozess, auf.
Die Kontinuität des Schöpfungsaktes ist für sie fast mit dem Leben identisch. Sacrum und
Profanun scheinen darin zu einer Einheit zu verschmelzen. Die Künstlerin nennt hier als Beispiel
Jackson Pollock, der diese schöpferische Methode angewandt hat. Interessanterweise hat seine
Schaffensart keine Nachfolger in der Kunst gefunden. Denn wie kann man noch die Farbe
schütten? Surrealismus und Dada werden jedoch bis zum heutigen Tag fortgesetzt,
was auch für Frau Goldyn als Bezugspunkt gilt.
Ihr 7-jähriger Aufenthalt in der Abgeschiedenheit hat die für ihr Schaffen charakteristische
Eigenschaft, nämlich die Spontanität in der Anwendung des Repertoires von Mitteln der
westeuropäischen Malerei, nicht getötet. Man kann vermuten, dass er dazu diente,
eigene Akkus aufzuladen. Die Lust, den geistigen Aspektdes Kunstwerkes wahrzunehmen,
durchdringt jedoch in den letzten Arbeiten das Meer der Materie. Das Bild “Fünf Wünsche für
eine Schamanin“, das sich formatmäßig aus kleinen Bildern zusammensetzt, erinnert an die
Ikone, die an dem Aspekt “der Wirklichkeit feinen Daseins“ am meisten interessiert ist,
so vor kurzem verstorbener Jerzy Nowosielski.

Die Gegenstände, die Frau Goldyn zur Erstellung ihrer Objekte verwendet,sind materielle Dinge,
sie befreien sich nicht von ihrer Physikalität, wie wir es bis dahin kannten, deren Kombination
schafft jedoch einen ganz neuen Sinn. Wir finden ihn irgendwo in der Mitte der zusammen-
geballten Elemente, die diese Kreationen bilden. Mit herausragender Kraft erscheinen sie uns
mit ihrer Sinnlichkeit, Farbenpracht und Leidenschaft der Oberflächenstruktur, die in den
räumlichen Umsetzungen fast zu einem erotischen Taumel wird. Genausowie in den Gemälden,
bis auf diejenigen, welche die Metasprache des Bildes berühren, ist die Farbe keine
physikalische Substanz mehr, sondern wird lebendig und verwandelt sich in einen näheren und
weiteren Plan, das Leuchten, Gewicht, Geheimnis, die emotionelle Spannung, Furcht, Frage,
den Zweifel und die Idee, etc., etc. Gerade hier bemerke ich eine klare Fortsetzung der Tradition
und ein bewusstes Schöpfen aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Im künstlerischen
Schaffen von Frau Goldyn lässt sich diese Relation sehr gut dadurch erkennen, dass in ihre
Werke die Elemente eingefügt werden, die aus der tiefen Analyse der Kunsttradition
des letzten Jahrhunderts resultieren, jedoch in Kombination mit Ideen für deren individuelle
Anwendung, was dazu führt, dass sie als Künstlerin, die auf ihre eigene und originelle Art und
Weise die künstlerische Antwort auf die Fragen des 21. Jahrhunderts formuliert, betrachtet
werden kann. Hat dieses expressive Schaffen mit seiner breiten Palette von künstlerischen
Ausdrucksmitteln, das sich nicht nur aufdie Motive zahlreicher Kunstepochen bezieht, sondern
sie bisweilen sogar zitiert und dringend versucht, Gefühle, Dilemmas und Leidenschaften zum
Ausdruck zu bringen, überhaupt einen Zweck? Einen Sinn?

 

Alicja Kepinska beschäftigte sich in einem ihrer Essays mit dem Verhältnis zwischen Kunst und
Natur. Meistens stellen wir diese zwei Dinge in Opposition zueinander. Es gibt jedoch eine
Eigenschaft, die sie verbindet, nämlich die Zwecklosigkeit. So ist die Kunst, nach deren Sinn wir
ständig fragen und deren Sinn wir zu entdecken versuchen, ebenso wie die Natur.
Goldyns Arbeiten haben eine“tierische Natur“ und ihre Präsenz ist ein Beweis für die Existenz
sowohl der Kunst als auch der Natur in ihrer Zwecklosigkeit und dies wiederum ist meines
Erachtens eine wichtige Aufgabe, die sie zu erfüllen haben.

Die Arbeiten von Frau Goldyn finden auf jede von ihr gestellte Frage eine andere Antwort.
Und wieder eine andere. Mir scheint es, dass das natürliche Wissen in ihrer Natur liegt, auf
Grund wessen sie sich der verändernden Kunstrealität samt der Veränderung der uns
umgebenden Welt bewusst ist. Die Wirklichkeit in Goldyns Werken betrachtet sich unaufhörlich
im Spiegel der Kunst und unterliegt der interpretatorischen Verfahren, über die eine Glasplatte
verfügt.

Über die Arbeiten von Frau Goldyn könnte ich Folgendes schreiben, indem ich die Worte des
Direktors des Nationalmuseums in Posen paraphrasiere, die ein Versuch der Beschreibung des
künstlerischen Schaffens von einem anderen Vertreter der Transavantgarde sind:
“dass (sie) es zeigen kann, dass in Bezug auf den messbaren Raum der Physik
der persönliche Raum, den wir zwischen uns, Orten und Dingen erleben, primär ist
und ebenfalls die semantische Umhüllung der Dinge oder die Expression deren Materie umfasst.
Man wird sich darüber klar, indem die gewöhnlichsten Gegenstände aus dem ursprünglichen
Kontext derer Wahrnehmung herausgelöst werden, was zugleich zu deren “Entbanalisieren“
führt und infolge dessen – zur Verblüffung lediglich wegen deren Existenz. Fantastisch ist es,
was es gibt.“

In Bezug auf das am Anfang der Dissertation angeführte Motto, welches besagt, dass der Sinn
der Arbeit eines Utopisten in der Ablehnung der Realität und in der Suche nach einem Ideal
besteht, kommen Fragen auf. Was für ein Ideal suchen wir? Nicht nur die Doktorandin,sondern
auch wir alle. Gibt es überhaupt so ein Ideal und hat es Sinn, es zu suchen? Wir wissen es doch
genau, dass eine gute Kunst aus der Summe der Fehler besteht, wissenschaftlich unbewiesenen
Thesen, einer Reihe falscher Entscheidungen und in der Praxis nichts dient. In diesem Sinne
erfüllen die Arbeiten von Frau Goldyn alle Merkmale guter Kunst und in diesem Sinne sind sie
utopisch, oder wie ich sie lieber nennen würde, sie sind dem Traum nahe.

 

 

Prof.Dr. A. Zdanowicz
Dekan der Abteilung Malerei und Bildhauerei
der Akademie der Bildenden Künste von Poznan (Posen), Polen

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